
Der wundersame Hundezahn
Es war einmal eine alte Frau,
deren Sohn sich den Unterhalt mit Tauschgeschäften in Indien
und Tibet verdiente. Der junge Mann wollte sich gerade wieder
einer Karawane von Indienreisenden anschließen, als seine
Mutter sich mit folgender Bitte an ihn wandte: »Bodh Gaya
ist der Ort, an dem der Buddha Gautama Siddharta erleuchtet
wurde, deshalb bitte ich dich, mir etwas aus Bodh Gaya (in Indien)
mitzubringen. Eine kleine Reliquie vielleicht oder einen Talisman,
den ich auf meinen Altar legen und als materielle Repräsentation
des Buddhas verehren kann.«
Jahrein, jahraus wiederholte die alte Mutter ihre Bitte, doch
der Sohn kam unverrichteter Dinge von jeder Indienreise nach
Tibet zurück.
Eines Tages machte der Sohn sich wieder einmal bereit, in das
ferne Indien zu ziehen, als die Mutter sagte: »Wenn du
diesmal ohne eine Reliquie für meinen Altar aus Bodh Gaya
zurückkehrst, bringe ich mich vor deinen Augen ums Leben!«
Schockiert von der Intensität, mit der die Mutter diese
Worte ausgesprochen hatte, gelobte der Sohn, ihr den Herzenswunsch
dieses Mal unfehlbar zu erfüllen.
Nach vielen Monaten hatte er seine Handelsgeschäfte verrichtet
und befand sich schon auf dem Weg zum Hause seiner alten Mutter,
als ihm plötzlich einfiel, daß er auch dieses Mal
vergessen hatte, ihr eine Reliquie aus Bodh Gaya mitzubringen.
»Was soll ich machen?" fragte er sich selbst. »Wie
ich meine Mutter kenne, bringt sie sich tatsächlich vor
meinen Augen um, wenn ich ihr nicht irgend etwas mitbringe.«
Suchend blickte er sich um und sah den vertrockneten Leichnam
eines Hundes nicht weit entfernt im Gestrüpp liegen. Hastig
brach er dem Hundeschädel einen Zahn heraus und wickelte
diesen in ein indisches Seidentuch.
Im Haus seiner Mutter angekommen, präsentierte er dieses
Geschenk. »Das ist ein echter Schneidezahn von Gautama
Buddha«, erklärte er feierlich. »Ich habe ihn
eigens aus den wenigen noch erhältlichen Reliquien in Bodh
Gaya für dich ausgewählt«.
Die gute alte Frau glaubte ihrem Sohn und verehrte den Zahn,
als sei er eine wahrhaftige Verkörperung des Geistes von
Gautama dem Vollkommenen Buddha. Von Stund` an vertiefte sie
sich so rückhaltlos in ihre Hingabe an den Hundezahn, daß
es nicht lange dauerte, bis sie den inneren Frieden fand, nach
dem sie ihr Leben lang gesucht hatte.
Es dauerte ebenfalls nicht lange, da sahen auch die Nachbarn
und Freunde, daß ein sanftes Regenbogenlicht den Zahn
umgab und kaum merkliche Lichtperlen in der Luft um ihn schwebten.
Jeden Tag fanden sich nun mehr Leute am Altar der alten Dame
ein und wollten die zarte Energie des Zahnes in sich aufnehmen.
Als die alte Frau starb, war sie von Regenbogenlichtern umgeben,
und ihr Lächeln verriet dem weinenden Sohn, daß sie
heimgegangen war in den Urgrund, aus dem alle Dinge kommen.
Seither heißt es, daß jeder simple Hundezahn zur
heiligen Reliquie werden kann, aber nur, wenn die Kraft eines
empfänglichen Herzens und die Liebe eines Buddhas über
diesen Zahn zusammenkommen.
(aus Tibet)